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2002 by
Indische Tabla-Schule,
Peter Huber
Früher, als die akademischen Musikinstitute in der heutigen Form noch
nicht existierten, war die Ausbildung eines Künstlers – ich beziehe mich
hier insbesondere auf die Tabla-Traditionen, Sache deren führenden
Vertreter einer Tradition. Die so genannten Familientraditionen, die eine
Schule bzw. einen bestimmten Stil ausbilden, werden Gharana
(Haushalt, Familienhaushalt, Haustradition) (Ghar = Haus) genannt. Die
Vertreter, bzw. die Führer einer solchen Tradition nennt man Khalifa.
Früher wurde die Tradition ausschliesslich an den ältesten Sohn
weitergegeben, und erst nach dessen ableben konnte der jüngere Sohn, wenn
vorhanden, diesen Titel für sich in Anspruch nehmen. Eine Tochter eines
Khalifa kann diesen Titel nie erhalten.
Heute wäre dies undenkbar, den Khalifa-Titel nur innerhalb der
Familie zu vergeben, so gibt es heute Führer, die weder aus dessen Familie
stammen, noch in einer Musikerfamilie aufgewachsen sind.
Bedeutende Musiker, Vertreter einer Tradition, fügen im Laufe der Zeit
selbst wertvolle ästhetische und technische Subtilitäten hinzu und
erweiterten so die Spieltechniken sowie dessen stilistisches Repertoire.
Es bildeten sich ursprünglich viele verschiedene Tabla-Gharana, von denen sich
grundsätzlich sechs professionelle Traditionen etablierten, es sind
diese nach ihrer jeweiligen geografischen Ortschaft benannt: Delhi-,
Ajrada-, Lucknow-, Farrukhabad-, Benares- und Punjab-Gharana. Jeder dieser
Stile beinhaltet deren eigenes Repertoire, ihren eigenen Stil und Charakter.
Es sollte jedoch heute vermieden werden ein Gharana, bzw. einen Stil
als hermetisch abgeschlossenes System zu verstehen, denn eine Gharana
schliesst immer auch von aussen kommende Schüler ein, die sich einer
Tradition anschliessen, um deren Stil zu lernen. Als weiterer Aspekt ist
zu berücksichtigen, dass z.B. heiraten mit Angehörigen einer
Familientradition gelegentlich zur Integration verschiedener Stile führte.
Als besonderes Beispiel gilt hier die Heirat von Ustad Haji Vilayat Ali
Khan, dem Gründer der Farrukhabad-Gharana, der die Tochter von Ustad Miyan
Bakshu Khan, dem Gründer des Lucknow-Stils heiratete.
Haji Saheb - wie man ihn nannte, sicherte sich so, mit grosser
Wahrscheinlichkeit dass gesamte Repertoire der Lucknow-Gharana, weil
dessen Tochter selbst eine hervorragende Tabla-Spielerin gewesen sei.
Zweifelsohne beeinflussten sich die Gharana im Laufe der Zeit
gegenseitig, und die Grenzen des jeweiligen Stils und deren Techniken sind
nicht immer eindeutig erkennbar. Grundsätzlich unterscheidet man aber mit
ziemlicher Sicherheit unter den zwei spezifischen Baj (Griffarten):
dem Delhi- und dem Purab- (östlich) Baj.
Der Purab-Baj wird so bezeichnet, weil alle Stile die
geografisch östlich von Delhi liegen, als Purab-Stile bezeichnet werden,
obwohl Ajrada dabei als Ausnahme gilt.
Unter den Tabla-Traditionen steht der Punjab-Stil als eigentlicher
"Outsider" neben den anderen, da dieser wahrscheinlich nicht von der
ursprünglichen Herkunft des Delhi-Gharana abstammt. Diese Theorie ist aber
umstritten und macht eine vertiefte Forschung auf diesem Gebiet
unumgänglich. Tatsächlich beinhalten der Punjab-Stil einen beachtlichen
Anteil an Pakhawaj-Spieltechniken, vergleicht man aber Kompositionen der
Stile von Lahore und Amritsar (beide unter dem Etikett Punjab-Gharana
bekannt) so fallen insbesondere im Lahore-Stil vermehrt
Delhi-Spieltechniken auf, abgesehen davon sind im Punjab-Stil ebenfalls
Kaida- und Rela-Kompositionen zu hören, die als eigentliche Erfindung des
Delhi-Gharana gelten.
Als weiterer ungereimter Aspekt in der Geschichte der Tabla-Traditionen
gilt die Benares-Gharana. Von dieser wird unter etlichen Musikern
behauptet, sie gelte als "disqualifiziert", da sie sich nicht an die
Konventionen der anderen Gharana halte. Tatsache ist, dass die
Spieltechniken grundlegend als Purab-Stil bezeichnet werden können, doch die
Interpretation der Kompositionsformen insbesondere des Vortrags von
Peshkar (im Benares-Stil als Barhant bezeichnet) bzw. Kaida (im
Benares Stil als Bant bezeichnet) stilistisch ungleich ausfallen.
Wie dem auch sei, es
existieren wohl kaum irgendwo so viele Kontroversen wie auf dem Gebiet der
Gharanas der nordindischen klassischen Musik.