Geschichtliche Aspekte der nordindischen Musik
©
2002 by Indische Tabla-Schule, Peter
Huber
Indien, nach dem Fluss Indus benannt, ist heute vielleicht das reichste
Kulturland der Erde. In Indien begegnen wir zahlreichen Sprach-, Religion-
und Kulturgruppen. Heute sind die meisten Inder Hindus (ca. 75%), daneben
findet man einen beachtlichen Anteil Muslime (ca. 15%, Tendenz steigend) und
Christen, Sikhs, Buddhisten und Jainas vor. Der Hinduismus wurde nicht durch
eine geschichtliche Persönlichkeit geschaffen, sondern ist im Laufe der
Zeit, eng verknüpft mit der Induskultur entstanden. Er umfasst Riten,
Religionen, Mythen, Sitten und Anschauungen der in Indien lebenden
Kulturgruppen.
Die Völker Indiens zogen nie eine harte Grenze zwischen weltlichen und
sakralen Dingen. Für den Inder ist alles in der Welt, möge es noch so real
sein, vom Göttlichen durchdrungen und alles Heilige hat einen weltlichen
Schimmer. So handeln beispielsweise indische Liebeslieder immer auch vom
beschützenden Gott und nicht nur von den Liebenden.
Der vedische Gesang stand immer über der Instrumentalmusik, der mit
kriegerischen Aktionen, festlichem Tanz und Unterhaltung verbunden wurde.
Der vokale Gesang, rein - oder von Trommel, Vina oder Bansuri (Flöte)
begleitet, gilt als Ursprung der indischen Musik. So werden auch heute noch
Sänger und Gesang musikalisch höher und wertvoller als Instrumentalmusiker
und -musik eingestuft. Erstaunlicherweise haben aber gerade die
Musikinstrumente verschiedenen Sanskritquellen zufolge göttlichen Ursprung.
Sie sind von Gott geschaffen und sind teilweise ein Abbild des menschlichen
Körpers. Einzelne Teile der Instrumente haben symbolische Bedeutung und
sollen sogar übernatürliche Kräfte besitzen.
Am Musikerleben waren in Altindien alle vier sozialen Stände vertreten. In
erster Linie übten jedoch die Angehörigen des untersten Standes (Sudras)
musikalische Tätigkeiten aus. Sie machten Musik als eine Art
Dienstleistung, neben Landwirtschaft, Viehzucht und Handwerk, für die oberen
drei Stände. Mit der Herausbildung der Berufskasten wurde auch der
Musikerberuf erblich. Damit war von Geburt an der berufliche Lebensweg
vorgezeichnet, ohne Berücksichtigung von Begabung und Neigung. Der Vorteil
dieses Systems war eine kontinuierliche Tradierung von Erfahrungen
und musikalisch- handwerklichen Fertigkeiten.
Eine tiefgreifende Veränderung erfuhr die nordindische Kunstmusik in
späterer Zeit durch den Einfluss der Perser (16. - 18. Jahrhundert), die unter
anderem als so genannte Mogulkaiser grosse Teile des indischen Subkontinents
beherrschten und in ihren Residenzen ein Hofleben von auserlesenster Kultur
und Künsten aktiv unterstützten. Die feudalen Herrscher waren oft grosse
Kenner und Förderer der Künste, insbesondere der Musik.
Die Musiker am Hofe eines reichen moslemischen- oder hinduistischen
Feudalherrschers konnten sich ein gewisses Vermögen erarbeiten. Sie waren
sehr beliebt und erhielten neben dem Lohn oft unzählige Geschenke. In diesem
"Goldenen Zeitalter" konnten die Hofmusiker frei von existentiellen Sorgen
ganz ihre Kunst leben und wurden hoch geachtet. Es war bemerkenswert, wie
die noble Gesellschaft Indiens angesehene Künstler verehrten.
Unterhaltung durch Musik und Tanz spielte ausserdem eine grosse Rolle beim
geselligen Zusammenleben der wohlhabenden, gebildeten und kunstsinnigen Städter
(Nagarakas) und gehörte zu den obligatorischen Freuden eines so
genannten Hausherrn (Grhastha). Die Angehörigen der städtischen
Oberschicht betrachteten sich als geistige Elite und Kenner und Liebhaber
der Künste. Sie waren in vielseitiger Weise am Musikerleben beteiligt und
organisierten musikalische Wettkämpfe, wo sie oft als Schiedsrichter,
Experten oder Sachverständige auftraten. Ihr fachmännisches Urteil galt als
massgebend.
Neben der Musik an den Höfen der Adeligen gab es auch Musik in den
Freudenhäusern der Städte. Das Kurtisanenwesen war staatlich organisiert.
Der Staat bezahlte den Kurtisanen eine vielseitige Bildung. Ihnen wurde
Gesang, Vortragskunst, Tanz, Schauspielkunst, Schreiben, Malen, Lauten-,
Flöten- und Trommelspiel, Parfümieren, Massieren und Gedankenlesen
beigebracht. Sie waren daher sehr kultiviert und vielseitig gebildet. Bei
den Künsten, die die staatlichen Hetären beherrschen sollten, standen Musik
und Tanz im Vordergrund.
Durch den Zerfall des Mogulreiches im 18. Jahrhundert, wurden die Hofmusiker
aus den kaiserlichen Residenzen von Delhi und Agra sowie den verschiedenen
Höfen von moslemischen Herrschern und indischen Königen über das ganze Land
verstreut.
Im 19. Jahrhundert versank der Hochmut der grossen Herrscher Indiens in
dekadenter Pracht, das "Goldene Zeitalter" der Hofmusik hatte sein Ende
gefunden. Die politische Macht lag fest in den Händen der englischen
Kolonialherrschaft, die keinerlei Interesse für die nordindische Kunstmusik
zeigte.
Dieser Niedergang stürzte die Musiker zum Teil in eine grosse existenzielle
Krise. Erst nach dem endgültigen Niedergang des Adels, im zweiten Viertel des
20. Jahrhunderts ist die
Kunstmusik, die an den Höfen kultiviert, studiert und weiterentwickelt wurde ganz an die
Öffentlichkeit getreten. Die Kunstmusik und die Wissenschaft darüber, die an
diesen Höfen so vorangetrieben wurde, hat zweifelsohne bis in die heutige
Gegenwart überlebt.
Nach altindischer Auffassung kann Musik nur dort blühen, wo Könige oder
Aristokraten an der Spitze stehen, die musikinteressiert sind und sich für
die Musiker einsetzen. Dem Ramayana zufolge sollte der König ständig
Schritte untenehmen, die dazu beitragen, die Künste und Wissenschaften
seines Landes zu fördern. Er sollte jährlich diejenigen ehren, die in Kunst
und Wissenschaft eine besondere Höhe erreicht haben.
Oft wurde auch im Rahmen von Theatervorführungen musiziert. Es gab eine
eigene Kunstgattung, Nartaka genannt, in welcher szenische Darstellung,
Tanz, Musik und Gesang als Einheit geboten wurde. Ein Schauspiel ohne Musik
galt als farblos. Die Theaterorchester bestanden meist aus Sängern, Harfen-
und Flötenspielern und Trommlern.
Auf die Musik der Volksmassen finden sich in der
Sanskritliteratur kaum Hinweise, man kann deshalb nur Vermutungen anstellen.
Dass bei den zahlreichen Volksfesten in den Dörfern musiziert und getanzt
wurde und dass der Musik auch unter der nicht-arischen Bevölkerung
magisch-kultische Funktion zukam, ist jedoch mit Sicherheit anzunehmen. Das
Alltagsleben des Volkes, vor allem die festlichen Höhepunkte, war in
vielfältiger Weise von Musik umgeben. Wir erfahren, dass das Volk zum
eigenen Vergnügen musizierte und sich beispielsweise bei der Arbeit mit
Gesang begleitete. Auch für Anlässe der Trauer, Zeremonien zur
Totenverbrennung und -bestattung, gab es bestimmte Gesänge und musikalische
Bräuche.